KJUG-95

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95. Kapitel - Die Aufnahme der Geheilten durch Joseph. Ihre bewegende Lebensgeschichte. Joseph tröstet die arme Waise

95,1. Als das Weib aber sobald erkannte, dass Joseph der Gemahl der Maria sei, da ging sie hin und brachte vor ihn die Bitte, dass sie in seinem Hause verbleiben dürfte.

95,2. Und der Joseph sprach zum Weibe: „So dir solche Gnade widerfuhr, wie es mir mein Weib kundgab nun in deiner Gegenwart, und du willst darum dankbar diesem Hause sein, so magst du wohl bleiben.

95,3. Denn siehe, ich habe hier einen ziemlich grossen Grund und habe mehrere Haustiere und habe ein geräumiges Haus!

95,4. Und so wird es an der Beschäftigung nicht fehlen, und Raum zur Wohnung ist auch genug da.

95,5. Mein Weib ist ohnehin mehr von schwacher Beschaffenheit in ihrer Leibeskraft; daher wirst du mir einen guten Dienst erweisen, wenn du hie und da meinem Weibe in der häuslichen Arbeit helfen magst.

95,6. Für alle deine Bedürfnisse solle gesorgt sein; aber in Geld kann ich dir keinen Lohn geben, indem ich selbst keines habe.

95,7. Bist du mit diesem Antrage zufrieden, so magst du hier verbleiben nach deiner Lust, aber nicht aus irgend einer vermeinten Pflicht!“

95,8. Diese Worte machten das Weib, die ohnehin eine ganz arme Waise war, überaus glücklich, und sie lobte das Haus über die Massen, in dem ihr so viel Gutes entgegenkam.

95,9. Joseph aber fragte sie nach dem Geburtsorte und nach ihrem Alter, und welcher Religion sie wohl sei.

95,10. Und das Weib erwiderte: „Aller Ehre würdigster Mann! – Ich bin aus Rom gebürtig, bin die Tochter eines mächtigen Patriziers!

95,11. Mein ältliches Aussehen entspricht nicht meinem Alter; denn ich bin erst kaum zwanzig Sommer eine Bewohnerin der Erde.

95,12. Ich kam blind zur Welt; meinen Eltern aber riet ein Priester, sie sollen mich nach Delphi bringen, allda würde ich durch Apolls Erbarmung das Licht der Augen bekommen.

95,13. Als dieser Rat meinen Eltern gegeben ward, da war ich zehn Jahre und sieben Monate alt.

95,14. Meine Eltern, die sehr reich waren und mich als die einzige Tochter überaus liebten, befolgten diesen Rat.

95,15. Sie mieteten ein Schiff, um mit mir nach Delphi zu steuern.

95,16. Wir befanden uns aber kaum drei Tage auf dem Meere, da kam ein allergewaltigster Sturm und trieb das Schiff mit grosser Schnelligkeit in diese Gegend.

95,17. Ungefähr zweihundert Klafter ausserhalb des Ufers, wie es mir mein Lebensretter oft erzählte, ward das Schiff auf eine Klippe geschleudert,

95,18. und alles bis auf mich und einen Matrosen, der mich gerettet hat, ging zugrunde, und somit auch meine guten Eltern.

95,19. Nimmer fand sich eine Gelegenheit, die mich in meine Vaterstadt zurückbrächte. Der Matrose starb auch hier schon vor fünf Jahren, und ich bin nun eine von grosser Not und Traurigkeit abgezehrte waise Bettlerin in diesem Orte.

95,20. Doch da ich solch eine Gnade sicher bei den Göttern gefunden habe und habe meiner Augen Licht bekommen und nun sehen kann meine Wohltäter, so will ich ja gerne vergessen meiner grossen Trübsal!“

95,21. Diese Erzählung des scheinbaren Weibes brachte alles zum Weinen; und der Joseph sprach: „O du arme Waise, sei getröstet; denn hier sollst du deine Eltern vielfach wiederfinden!“

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