KJUG-74

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74. Kapitel - Cyrenius am Scheideweg. Des Kindleins Rat. Maronius als Kenner des römischen Rechts. Die Begnadigung der drei Priester auf dem Richtplatz, ihr Tod vor Freude und ihre Wiederbelebung durch das Jesuskind

74,1. Als der Cyrenius solches vernommen hatte von dem ihm über allen stehenden kleinen Wiegenredner, wie er Ihn manchmal nannte, da stutzte er bei sich selbst und wusste nicht, was er so ganz eigentlich tun solle.

74,2. Denn auf der einen Seite sah er sich vor dem Volke als ein wankelmütiger Feldherr und oberster Statthalter gewaltig prostituiert,

74,3. anderseits aber hatte er dennoch zuviel Respekt vor der erprobten Macht des Kindes!

74,4. Er sann eine Zeitlang hin und her und sprach nach einer Weile wie zu sich selbst:

74,5. „O Scylla, o Charybdis, o Mythe des Herkules am Scheidewege!

74,6. Hier stehet der Held zwischen zwei Abgründen; weicht er dem einen aus, so stürzt er unvermeidlich in den andern!

74,7. Was solle ich nun tun? – Wohin mich wenden? – Solle ich zum ersten Male wankelmütig vor dem Volke erscheinen und tun den Willen dieses mächtigen Kindes?

74,8. Oder solle ich tun nach meinem ohnehin sehr milden Beschlusse?“

74,9. Hier berief wieder das Kindlein den Cyrenius zu Sich und sprach lächelnd: „Du Mein lieber Freund, du rührest hohle Eier und hohle Nüsse durcheinander!

74,10. Was ist die Scylla und was die Charybdis und was der Held Herkules vor Mir? – Folge du Mir, und du wirst mit allen diesen Nichtigkeiten nichts zu tun bekommen!“

74,11. Und der Cyrenius, sich erholend von seinem Wankelmute, sprach zum Kinde:

74,12. „Ja, Du mein Leben, Du mein kleiner Sokrates, Plato und Aristoteles in der Wiege! – Dich will ich zufriedenstellen, und komme daraus, was wolle!

74,13. Und so lasset uns denn hinziehen auf den Richtplatz und dort unser Urteil sobald in Gnade verwandeln!“

74,14. Hier näherte sich auch Maronius dem Cyrenius und sagte ganz sachte zu ihm:

74,15. „Kaiserliche Consulische Hoheit! – Ich bin ganz mit dem Rate des Kindes einverstanden; denn mir ist gerade jetzt eingefallen, dass die Todesstrafe bei priesterlichen Angelegenheiten nie ohne die Einwilligung des Pontifex Maximus in Rom über die Priester verhängt werden darf, –

74,16. ausser diese wären Staatsaufwiegler, was sie aber hier nicht sind, sondern nur blinde Eiferer ihrer Sache!

74,17. Daher billige ich den Rat des Kindes sehr; dessen Befolgung kann dir daher nur nützen, aber nie schaden!“

74,18. Den Cyrenius freute diese Bemerkung des Maronius, und er machte sich darum sogleich auf den Weg mit der ganzen vorbestimmten Gesellschaft.

74,19. Am Richtplatze angelangt, fand er die drei Priester schon fast entseelt vor zu grosser Angst vor dem martervollsten Tode.

74,20. Nur einer von ihnen hatte noch so viel Geistesgegenwart, dass er vor dem Cyrenius sich mühsamst erhob und ihn bat um eine gnädigere Todesart.

74,21. Cyrenius aber sprach zu ihm, wie zu den andern zweien: „Sehet an das Kind, das diese Mutter auf ihren Armen trägt, das gibt euch das Leben wieder! Und so schenke ich es euch auch und widerrufe mein Urteil!

74,22. Erhebet euch daher wieder, und wandelt frei! Fiat! – Und ihr Wachen, ihr Richter, Liktoren und Büttel, ziehet ab mit allem! Fiat!“

74,23. Dieser Gnadenruf benahm den drei Priestern das Leben; aber das Kindlein streckte die Hand über die drei, und sie erwachten wieder ins Leben und folgten sogleich ganz erheitert ihrem kleinen Lebensretter! –

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