KJUG-50

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50. Kapitel - Das Verhör des Landpflegers durch Cyrenius. Der Beschönigungsversuch des Landpflegers. Die Gewissensfrage des Cyrenius an den Maronius, dessen Bekenntnis und Verurteilung

50,1. Nach dieser Anrede des Cyrenius fiel dem Maronius Pilla ein gewaltiger Stein von der Brust; der Puls fing an freier zu gehen, und er ward bald fähig, dem Cyrenius zur Rede zu stehen.

50,2. Und als der Cyrenius sah, dass der Maronius Pilla sich erholt hatte, fragte er ihn folgendermassen:

50,3. „Ich sage dir, gebe mir die gewissenhafteste Antwort darüber, worüber ich dich fragen werde! Denn jede ausflüchtige Antwort wird dir mein gerechtes Missfallen zuziehen! Und so vernehme denn meine Frage!

50,4. Sage mir, kennst du die Familie, deren erstgebornes Kind der sogenannte neue König der Juden sein solle?“

50,5. Maronius Pilla antwortete: „Ja, ich kenne sie persönlich nach der Kundgabe der Judenpriester in Jerusalem! – Der Vater heisst Joseph und ist ein Zimmermann ersten Rufes in ganz Judäa und halb Palästina und ist sesshaft nahe bei Nazareth.

50,6. Seine Redlichkeit ist im ganzen Lande, wie auch in ganz Jerusalem bekannt. Er musste vor ungefähr elf Monden ein reif gewordenes Mädchen aus dem jüdischen Tempel zur Obhut nehmen, ich glaube, durch eine Art Losung.

50,7. Dieses Mädchen hat wahrscheinlich in Abwesenheit dieses biederen Zimmermanns etwas zu früh der Venus gehuldigt, ward schwanger, darob dann meines Wissens dieser Mann grobe Anstände mit der jüdischen Priesterschaft zu bestehen hatte.

50,8. Insoweit ist mir die Sache wohl bekannt; aber mit der Entbindung dieses Mädchens – das da dieser Mann, um der Schande zu entgehen, die er von seinen Genossen zu befürchten hatte, noch vor der Entbindung zum Weibe genommen haben solle – haben sich überaus mystische Sagen im Volke verbreitet, und man kann darüber nicht ins klare kommen!

50,9. Sie hat bei der Gelegenheit der Volksbeschreibung in Bethlehem entbunden, und zwar in einem Stalle; so viel habe ich herausgebracht.

50,10. Alles Weitere ist mir völlig unbekannt; solches sagte ich auch dem Herodes!

50,11. Dieser aber meinte, Cornelius habe diese ihm von den Persern verdächtig gemachte Familie irgend im Volke verbergen wollen, um ihm den Lehnsthron streitig zu machen, da er wohl weiss, dass dein Bruder sein Freund nicht ist!

50,12. Darum nahm er denn auch zu dieser exzentrischen Grausamkeit seine Zuflucht, um dadurch vielmehr dem Cornelius seinen Plan zu vereiteln, als so ganz eigentlich dieses neuen Königs habhaft zu werden.

50,13. Er übte somit mehr aus Rache gegen deinen Bruder, als aus Furcht vor diesem neuen König, diese kindermörderische Rache aus. Das ist nun alles, was ich dir zu sagen weiss über diese sonderbare Begebenheit!“

50,14. Und der Cyrenius sprach weiter: „Bisher habe ich aus deinen Worten ersehen, dass du zwar die Wahrheit geredet hast; aber dass du dabei vor mir auch gewisserart den Herodes weisswaschen möchtest, ist mir keineswegs entgangen!

50,15. Ich sage dir aber, wie ich geschrieben habe, die Tat des Herodes lässt sich durch nichts entschuldigen!

50,16. Denn ich will es dir sagen, warum Herodes diese allerunmenschlichste Grausamkeit ausgeübt hat.

50,17. Höre! Herodes ist selbst der allerherrschsüchtigste Mensch, den je die Erde genährt hat.

50,18. Wenn er es könnte und einigermassen nur eine entsprechende Macht dazu hätte, so würde er heute noch mit uns Römern, den Augustus nicht ausgenommen, das tun, was er mit den unschuldigsten Kindern getan hat! – Verstehst du mich?!

50,19. Er hatte diesen Kindermord nur darum unternommen, weil er der Meinung war, uns Römern einen gross respektablen Dienst zu erweisen und sich dadurch als echter römischer Patriot zu zeigen, auf dass ihm der Kaiser mein Amt zum Lehnsfürstentume noch hinzu anvertrauen möchte;

50,20. wodurch er dann gleich mir vice Caesaris unumschränkt mit dem Drittel der ganzen römischen Macht disponieren könnte und könnte sich dadurch dann auch von Rom ganz los und unabhängig machen, um als Alleinherrscher über Asien und Ägypten dazustehen. 21. Oktober 1843

50,21. Verstehst du mich?! – Siehe, das ist der mir gar wohlbekannte Plan dieses alten Scheusals; und wie ich ihn kenne, so kennt ihn nun auch Augustus!

50,22. Nun aber frage ich dich bei deinem Kopfe zum Pfande der Wahrheit, die du mir darüber zu erteilen hast, ob du von diesem Plane Herodis nichts gewusst hattest, als er dich zu seinem schändlichsten Werkzeuge gedingt hatte?

50,23. Rede! aber bedenke, dass dich hier jede unwahre ausflüchtige Silbe das Leben kostet! Denn mir ist in dieser Sache jeder Punkt auf ein Haar bekannt!“

50,24. Hier ward der Maronius Pilla wieder zur Leiche und stotterte: „Ja, du hast recht, ich wusste auch, was der Herodes im Schilde führte.

50,25. Aber ich fürchtete seinen argen Intrigengeist und musste darum tun nach seinem Verlangen, um ihm dadurch den Grund zu einer noch grösseren Intrige zu zerstören.

50,26. Ganz also durch und durch aber, wie ich den Herodes jetzt durch dich kenne, habe ich ihn ehedem doch nicht erkannt; denn hätte ich das, da lebte er nicht mehr!“

50,27. Und Cyrenius sprach: „Gut, ich schenke dir im Namen des Kaisers zwar das Leben; aber in dein Amt werde ich dich nicht eher einsetzen, als bis deine Seele genesen wird von einer starken Krankheit! – Bei mir hier wirst du gepflegt, deine Stelle aber wird einstweilen mein Bruder Cornelius versehen; denn siehe, ich traue dir nimmer! Daher bleibst du hier, bis du gesund wirst!“

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