KJUG-148

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148. Kapitel - Der Wetteifer im Gutes-Tun zwischen dem Hauptmann und Cyrenius. Der ratlose Hauptmann und seine Belehrung durch Joseph

148,1. Als der Hauptmann solches von Joseph vernommen hatte, da bedachte er sich nicht lange, sondern ging hin zum Cyrenius und sprach:

148,2. „Kaiserliche Consulische Hoheit! Hochdieselben haben sicher vernommen, was da meiner Geringheit der weise Jude geraten hat?

148,3. Ich habe mich darob sogleich entschlossen, seinem Rate die pünktlichste Folge zu leisten.

148,4. Darum bitte ich Hochdieselben, mir diesen meinen Beschluss zu genehmigen, laut dem ich alle diese Armen wie meine eigenen Kinder in meine Versorgung nehmen möchte!“

148,5. Und der Cyrenius sprach: „Mein achtbarster lieber Hauptmann! Es tut mir leid, dass ich dir dieses erhabene Vergnügen nicht zukommen lassen kann!

148,6. Denn siehe, soeben habe ich sie alle schon in meine eigene Versorgung übernommen!

148,7. Aber darum darfst du dich nicht betrüben; denn du wirst noch Arme genug antreffen.

148,8. Befolge an denen den Rat des weisen Juden, und du wirst den gleichen Lohn einernten!“

148,9. Der Hauptmann verneigte sich hier vor dem Cyrenius, ging sogleich zum Joseph hin und sprach:

148,10. „Da siehe nun, was kann ich nun tun, wenn mir der Cyrenius schon lange zuvorgekommen ist? Woher werde ich nun Arme nehmen? Denn hier sind sie von ganz Ostracine beisammen!“

148,11. Und der Joseph lächelte hier freundlich den Hauptmann an und sagte zu ihm:

148,12. „O mein bester Freund! Sorge du dich nur darum nicht; denn an allem andern hat die Erde stets einen grösseren Mangel gehabt als an Armen!

148,13. Siehe, es dürfen da nicht gerade Blinde, Lahme, Krüppel und sonstige Bresthafte sein!

148,14. Gehe hin und durchsuche die Familien in den Häusern, überzeuge dich von ihrer mannigfachen Not, und du wirst sogleich Gelegenheit in Menge finden, deinen Überfluss gehörig an den Mann zu bringen!

148,15. Siehe, diese Stadt ist ja im ganzen ohnehin mehr eine Ruine als eine nur einigermassen ansehnliche blühende Stadt!

148,16. Durchsuche nur die halbzerfallenen Wohnungen so mancher Bürger, und du wirst das Eitle deiner Betrübnis wegen Mangels an Armen sogleich überklar einsehen!“

148,17. Der Hauptmann aber sagte: „Lieber weiser Freund, da hast du wohl recht;

148,18. aber diese Armen werden mir wenig Aufschluss über den kommenden Messias erteilen können, indem sie doch samt mir irrgläubig sind dir gegenüber!

148,19. Diese hier aber haben nun an sich so viel Wunderbares erlebt und hätten mir nach und nach so manches enthüllen können!?“

148,20. Und der Joseph erwiderte dem Hauptmanne: „Oho, mein lieber Freund! – Meinst du denn, die Enthüllung des Geistigen liege in den Armen?

148,21. Oh – da bist du in grosser Irre! – Siehe, die Enthüllung liegt nur in der Liebe deines eigenen Herzens und Geistes! – Wenn du Liebe ausübest, dann wird aus der Flamme solcher Liebe dir ein Licht werden, aber nie aus dem Munde der Armen!“ – Mit dieser Erklärung ward der Hauptmann zufrieden und fragte hinfort nicht mehr, was er tun solle.

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