KJUG-102

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102. Kapitel - Cyrenius wirbt um die Hand Tullias. Seine Prüfung durch Tullia. Ein Evangelium der Ehe

102,1. Nach der Erholung sprach der Cyrenius wieder zur Tullia: „Tullia! Möchtest du mir denn nicht die Hand reichen und werden mein rechtmässiges Weib, so ich dich dazu aus dem tiefsten Grunde meines Herzens erbitten würde?“

102,2. Und die Tullia sprach: „Was möchtest du mir wohl tun, so ich dir solches verweigern würde?“

102,3. Und der Cyrenius sprach etwas erregt, aber immer aus dem besten Herzen:

102,4. „Dann würde ich es Dem aufopfern, den du auf deinen Armen hältst, und würde sodann traurig ziehen von dannen!“

102,5. Und die Tullia fragte den Cyrenius weiter, sagend nämlich: „Was würdest du denn dann tun, so ich Den, der nun auf meinen Armen ruht, um einen Rat fragen würde, was ich tun solle,

102,6. und Er widerriete mir, anzunehmen deinen Antrag, und hiesse mich treu verbleiben dem Hause, das mich so überaus freundlichst aufgenommen hat!?“

102,7. Und der Cyrenius stutzte bei dieser Frage ein wenig, sprach aber dennoch etwas verlegen:

102,8. „Ja dann, du meine herrlichste Tullia, – dann müsste ich freilich ohne Widerrede sobald abstehen von meinem Verlangen!

102,9. Denn gegen den Willen Dessen, dem alle Elemente gehorchen, kann sich der sterbliche Mensch ewig nimmer auflehnen!

102,10. O frage das Kindlein aber ja sogleich, auf dass ich ja ehestens erfahre, wie ich daran bin!“

102,11. Das Kindlein aber richtete Sich sogleich auf und sprach: „Ich bin nicht ein Herr dessen, was der Welt ist; daher seid ihr von Mir aus in allem Weltlichen frei.

102,12. Habt ihr aber wahre Liebe in euren Herzen zueinander gefasst, da sollet ihr dieselbe nicht brechen!

102,13. Denn es gibt bei Mir kein anderes Gesetz für die Ehe, als welches da mit glühender Schrift geschrieben steht in euren Herzen!

102,14. Habt ihr euch aber schon beim ersten Anblicke laut dieses lebendigen Gesetzes erkannt und verbunden, da sollet ihr euch auch nicht mehr trennen, so ihr nicht sündigen wollet vor Mir!

102,15. Ich halte aber kein weltlich Eheband für gültig, sondern allein das des Herzens;

102,16. wer dieses bricht, der ist ein wahrhaftiger Ehebrecher vor Mir!

102,17. Du, Mein Cyrenius, hast zu dieser Tochter dein Herz gar mächtig gefasst; daher sollst du es nicht mehr abwenden von ihr!

102,18. Und du, Tochter, aber warst beim ersten Anblicke brennend schon in deinem Herzen zum Cyrenius, darum bist du schon sein Weib vor Mir und brauchst nicht erst eines zu werden!

102,19. Denn bei Mir gilt nicht äusserer Rat oder Widerrat, sondern allein der Rat eurer Herzen ist bei Mir gültig.

102,20. Bleibet sonach diesem für ewig getreu, wollt ihr nicht zu wahrhaftigen Ehebrechern werden vor Mir!

102,21. Verflucht aber sei ein Widerräter aus weltlichen Gründen in der Sache der Liebe, die von Mir ist!

102,22. Was ist denn mehr: die lebendige Liebe, die aus Mir ist, oder der weltliche Grund, der aus der Hölle ist?

102,23. Wehe aber auch der Liebe, deren Grund die Welt ist; sie sei verflucht!“ –

102,24. Diese Worte des Kindleins machten, dass sich alle entsetzten, und niemand getraute sich weiter etwas zu reden in der Sache der Ehe.

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