KJUG-101

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101. Kapitel - Tullia lernt Cyrenius kennen. Eine wunderbare Entdeckung: Tullia, die Base und Jugendliebe des Cyrenius. Cyrenius gerührt

101,1. Darauf ging der Joseph hin zum immer noch mit dem Kindlein beschäftigten Mädchen, zupfte sie am Ärmel und sprach zu ihr:

101,2. „Höre, meine teure Tochter, hast du denn im Ernste noch nicht bemerkt, wer sich nun hier befindet? – Blicke doch einmal auf und sehe!“

101,3. Hier erwachte das Mädchen aus ihrer Wonne und ersah den glänzenden Cyrenius.

101,4. Sie erschrak förmlich und fragte ganz ängstlich: „O du mein lieber Vater Joseph, wer ist dieser gar so stark glänzende Mann? – Was will er hier? Woher kam er denn?!“

101,5. Und der Joseph sprach zum Mädchen: „O fürchte dich nicht, meine Tochter Tullia! – Siehe, das ist der überaus gute Cyrenius, ein Bruder des Kaisers und Statthalter von Asien und einem Teile Afrikas!

101,6. Dieser wird deine Sache in Rom sicher in die beste Ordnung bringen; denn du bist ihm schon beim ersten Anblicke sehr teuer geworden!

101,7. Gehe aber hin, und bitte ihn um Gehör, und trage ihm deine ganze Lebensgeschichte vor, und sei versichert, dass du nicht zu tauben Ohren wirst geredet haben!“

101,8. Das Mädchen aber sprach: „O du mein lieber Vater! Das getraue ich mir nicht; denn ich weiss, so ein Herr prüft ganz entsetzlich strenge bei solchen Gelegenheiten, und hat er irgendeinen Punkt erfahren, der sich nicht erweisen lässt, da droht er einem gleich mit dem Tode!

101,9. Wie es mir in meiner Armut schon einmal ergangen ist, da mich sicher auch ein solcher Herr zu examinieren hatte angefangen, woher ich wäre.

101,10. Und als ich ihm alles getreu kundgab, da forderte er dann gar strenge Beweise von mir.

101,11. Da ich ihm aber solche in meiner gänzlichen Verwaistheit und blanksten Armut nicht herzustellen vermochte, da gebot er mir das gestrengste Schweigen und drohte mir mit dem Tode, so ich noch mehr davon zu jemandem reden möchte.

101,12. Ich bitte dich darum, verrate auch du mich nicht, sonst bin ich sicher verloren!“

101,13. Hier trat der Cyrenius, der diese leise Unterredung vernommen hatte, hin zur Tullia und sprach zu ihr:

101,14. „O Tullia! Fürchte den nicht, der ja alles aufbieten will, um dich so glücklich als möglich zu machen!

101,15. Sage mir nichts als nur den Namen deines Vaters, so du ihn dir noch gemerkt hast, und mehr brauche ich nicht.

101,16. Doch fürchte ja nichts, wenn dir auch der Name deines Vaters entfallen wäre; du bleibst mir gleich teuer darum, dass du nun eine Tochter dieses meines grössten Freundes bist!“

101,17. Hier bekam die Tullia schon mehr Mut und sprach zum Cyrenius: „Wahrlich, wenn mich dein sanftes Auge täuscht, so ist die ganze Welt eine Lüge! Ich will dir daher ja wohl sagen, wie mein guter Vater hiess.

101,18. Siehe, sein Name war Victor Aurelius Dexter Latii; – so du ein Bruder des Kaisers bist, da muss dieser Name dir nicht fremd sein.“

101,19. Als der Cyrenius diesen Namen vernommen hatte, da ward er sichtbar gerührt und sprach mit gebrochener Stimme:

101,20. „O Tullia, das war ja ein rechter Bruder meiner Mutter! – Ja, ja, von dem weiss ich ja, dass er mit einem rechtmässigen Weibe eine blindgeborne Tochter hatte, die er über alles liebte!

101,21. O wie oft habe ich ihn beneidet um sein Glück, das eigentlich ein Unglück war! – Aber ihm war die blinde Tullia mehr als die ganze Welt!

101,22. Ja ich selbst war in diese Tullia, da sie noch kaum vier bis fünf Jahre alt war, ganz verliebt und habe oft bei mir geschworen, diese oder sonst keine soll mein rechtes Weib werden dereinst!

101,23. Und – o Gott! – nun finde ich dieselbe himmlische Tullia hier im Hause meines himmlischen, göttlichen Freundes!

101,24. O Gott, o Gott! – das ist zuviel Lohnes auf einmal für einen schwachen Sterblichen um das Wenige, das ich, ein Nichts vor Dir, o Herr, tat!“ – Hier sank der schwachgewordene Cyrenius auf einen Stuhl und fasste sich nach einer Weile erst wieder zur ferneren Rede mit der Tullia.

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