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Himmelsgaben Band 1


Grund und Wesen des Zweiten Gesichts. – 21. März 1841, von nachmittags 1/4 5 Uhr bis abends 3/4 8 Uhr


--. Schreibende: K. G. L. – Andr. und Ans. H. – Als Zuhörer: F. S.

1. Es ist das sogenannte „Zweite Gesicht“ nicht etwa ein Zeichen von einem geweckteren Geiste, sondern es hat seinen Grund bloss nur in einem etwas erhöhteren Seelenleben und ist überhaupt ein Eigentum jener Menschen, die stets in grosser Not und natürlicher Abgezogenheit von der Welt zu leben genötigt sind.

2. Dass dieses Zweite Gesicht mit der geistigen Gewecktheit keine Verwandtschaft hat, kann euch auch der Umstand hinreichend bezeugen, dass eines solchen Zweiten Gesichts auch sogar die Tiere fähig sind, deren Individualität durchgehends nichts Geistiges, wohl aber eine Seele zur ferneren Ausbildung in sich trägt.

3. Ihr werdet nun freilich fragen, welche Wirklichkeit dasjenige hat, was sich im Zweiten Gesicht beschaulich darstellt? Allein es wird gar nicht schwer sein, diesen Knoten für euch zu lösen. – Wenn ihr noch im tiefen Winter begraben seid und euch von allen Seiten die starren Schnee- und Eisfelder schaurig anblicken, ja wenn ihr noch dazu in kalten Gemächern zu wohnen genötigt wäret, saget, werdet ihr euch da nicht nach dem Frühlinge und nach dem Sommer ganz gewaltig zu sehnen anfangen? Und wird sich nicht die Phantasie eurer Seele vorzugsweise damit beschäftigen, euch bildlich den Frühling und den Sommer vorzuführen?

4. Sehet, dieses sehnsüchtige, gleichsam plastische Vorgefühl ist die erste Stufe des Zweiten Gesichts und hat seinen Grund in dem leisen ätherischen Überwehen dessen, was die Seele in ihrem gedrückten Zustande als wohltuend erwartet. Wenn nun jemand sich mehr und mehr vertiefen würde, so möchte er wenigstens zur Nachtzeit nicht selten die Bilder des Frühlings und des Sommers gleich matten Traumbildern vor sich vorüberziehen sehen.

5. Wenn aber irgendeine Seele noch mehr beengt wird durch leidende Verhältnisse, so geschieht mit ihr durch solchen Druck das gleiche, wie wenn die Luft in einem zu hohen Grade gedrückt wird: sie entzündet sich und tritt aus der leiblichen Sphäre hinaus. Es gibt nämlich in dem sichtbaren Raume ebensogut seelische Wirkungen und Bewegungen, wie es in dem weiten Lichtraume Wirkungen und Bewegungen des Lichtes gibt; nur mit dem Unterschiede, dass die Schwingung des Lichtes sich auf dem natürlichen Wege nicht anders als gradlinig fortpflanzen können; wogegen die seelischen mehr ähnlich sind den Schwingungen des Schalles und sich nach allen erdenklichen Richtungen, wie auch in allen erdenklichen Krümmungen mit mehr denn elektrischer Schnelligkeit fortpflanzen können.

6. Jetzt denket euch irgendein Faktum – welcher Art es auch immer sein mag, so hat es immerwährend drei Bedingungen zum Grunde: eine materielle, eine seelische und eine geistige. – Was die erste Bedingung betrifft, so kann das Faktum von den leiblichen Augen erst dann erschauet werden, wenn es gerade eben geschieht, und zwar in einer solchen Entfernung, die von der leiblichen Sehkraft erreicht werden kann. – Was die seelische Bedingung anlangt, so werdet ihr es ohne viel Nachdenken leicht einsehen, dass ein Faktum zuerst in der Seele vorangehen muss, bevor es in die Körperwelt übergeht. Ist aber nun die Seele ihrer Decke enthoben, so kann sie ein solches Faktum vermöge der schnellen seelischen Fortpflanzung oft schon eine bedeutende Zeit früher ersehen, als es zur materiellen Objektivität gelangt; oder sie kann auch ein verübtes Faktum nachträglich erschauen, gleichwie ihr einen fernen Nachhall vernehmet.

7. Zum Überflusse will Ich auch noch drei kleine Beispiele von dem seelischen Schauen hinzufügen!

8. Es sieht z.B. ein solcher mit dem Zweiten Gesichte Begabter eine unbekannte Leiche vorüberziehen, während der Bekannte noch ganz frisch und gesund ist und erst in einigen Monaten darauf stirbt. Dies geht auf folgende, leicht fassliche Weise vor sich, nämlich: Die Seele des zum Sterben Bestimmten ahnet die nahe Auflösung ihrer Hülle, besonders zu einer Zeit, wenn sie ebenfalls durch ein merkliches Heraustreten ihr zum Zusammenfallen reifes Haus klarer und richtiger beschauet. In diesem Zustande ordnet sie dann schon alle betreffenden Vorkehrungen und Zeremonien zum Übergange. Zu gleicher Zeit ist aber auch die Seele eines andern Menschen in solchem erhöhtem Zustande und sieht da das ganze Faktum, was sich die Seele des andern schon vorgeordnet hat, und zwar das alles auf die euch nun schon bekannte seelische Mitteilungsweise. – Nun sehet, auf diese Weise werden von der Seele dergleichen Dinge vorgesehen, wie von dem körperlichen Auge diejenigen, die soeben geschehen.

9. Als zweites Beispiel: Eine Seele sieht in irgendeiner weiten Entfernung etwas geschehen. Auch dieses Schauen geschieht auf dieselbe Weise. Denn wo immer etwas geschieht, da Menschen zugegen sind, entweder bloss als Zuschauer oder als glücklich oder unglücklich Mitbeteiligte, da ist ja auch nichts natürlicher, als dass ein solches Faktum in das Seelenleben der andern alsogleich aufgenommen wird und sich dann in der seelischen Sphäre gleich einem allerzartesten magnetischen Fluidum, je nach der Grösse und Art des Faktums, oft mehrere tausend Stunden fortpflanzt. Und wenn dann irgendein Mensch in einem erhöhten Seelenzustande sich befindet, so nimmt er solche Schwingungen alsogleich wahr und bekommt das Bild durch die Varietät der Schwingungen auf dieselbe Art zu Gesicht, wie irgendein materielles Bild durch die Varietät der Schwingungen des Lichts von dem Gegenstande, von dem sie ausgehen, zur körperlichen Anschauung durch das fleischige Auge gelangt.

10. Als ein drittes Beispiel ist dieses anzunehmen: Wenn irgendein Faktum, bei welchem mehrere Menschen verunglücken werden, noch nicht erfolgt ist. Dieses Gesicht ist zwar etwas seltener, kommt aber dessenungeachtet gleich den übrigen Fällen vor. Es ist auf folgende Weise einzusehen: Wenn irgendeine Seele bei besonderen Fällen in einen erhöhen Zustand gelangt, so wird auch der innewohnende Geist, freilich nur auf kurze Zeit, geweckt. In der geistigen Bedingung (d.h. in dem Geist des Menschen) aber liegen alle Fakta, sowohl die vergangenen als die zukünftigen, unvergänglich zugrunde. Nun kann da das Schauen auf eine zweifache Art geschehen, nämlich der Betreffende erschaut es zuerst aus seinem Geiste. Dieses Erschaute geht natürlich in die Seele über. Sobald es aber in die Seele übergegangen ist, so pflanzt es sich auch schon nach den euch bekannten Gesetzen weiter. Und so dann irgendein Mensch im erhöhten Seelenzustande sich befindet, so erschaut auch er ein solches gewisserart prognostisches Faktum nebst allen den Umständen, die sich da zutragen werden. Und dieses Erschauen ist dann die zweite Art, ein solches Faktum, welches erst künftig geschehen wird, zu erschauen.

11. Dass ein solcher Mensch im erhöhten Seelenzustande auch Seelen verstorbener Menschen sehen kann, wenn diese sich sehen lassen wollen oder dürfen, braucht nicht näher erwähnt zu werden.

12. Nun sehet, da habt ihr das ganze Wesen des Zweiten Gesichtes und könnet aus demselben zugleich ersehen, dass dazu gerade keine Geistesgewecktheit erfordert wird. Denn das Schauen des Geistes ist ein ganz verschiedenens von dem der Seele. Wie sich aber das Schauen des Leibes zu dem Schauen der Seele verhält, so verhält sich auch das Schauen der Seele zum Schauen des Geistes.

13. Und wie das Schauen des leiblichen Auges kann verschärft werden durch materielle Mittel, dergleichen da sind: allerlei optische Werkzeuge – so kann auch das Schauen der Seele erhöht werden durch jene Mittel, welche natürlicherweise der Seele entsprechen. Diese Mittel sind ein starker, ungezweifelter Glaube, ein festes Wollen und eine dadurch wenigstens zu Hälfte erreichte geistige Gewecktheit.

14. Wie aber das seelische Schauen erhöht werden kann, ebenso kann auch die Sehe des Geistes bis ins Unendliche gestärkt werden, und zwar mittels derjenigen Mittel, die euch der grosse Seher durch Seine Lehre gelehrt hat – welcher grosse Seher eben derjenige ist, der euch jetzt daran erinnert!


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