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Himmelsgaben Band 1


Die Zweckbestimmung der Berge. – 17. Juli 1841, von 1/4 4 Uhr nachmittags bis 7 Uhr abends


--. Schreibende: Andr. und Ans. H. – Heute erhielten wir vom Herrn durch Seinen Knecht J. L. Nachstehendes als Gabe bezüglich der Kleinalpe:

1. Was sind Alpen, höchste Berge und kleine Hügel, über das sparsame Planum der Erdoberfläche ragend? – Nichts als der Staub auf einem Apfel, der von einem Baume herabfiel auf eine mit Staub beladene Strasse. Aber nur locker hängt der Staub am Apfel, während die Berge feste Auswüchse der Erde sind. – Mit wem sollte man aber die Berge vergleichen? Etwa mit dem Staube am Apfel, oder mit den Auswüchsen einer Nuss oder gar den kleinen Wärzchen auf der Oberfläche einer Eischale?

2. An und für sich tut es das eine so wenig wie das andere. Aber nehmet alle drei zusammen, und es wird der bestaubte Apfel, die Nuss und das Ei das jedesmalige und jedem Eigentümlichentsprechende an der Erde finden.

3. Welches aber mögen wir zuerst nehmen? – Sehet, es wird hier wenig zu wählen sein. Nehmet ihr aber alle drei zugleich, so habt ihr das rechte Mass getroffen.

4. Muss denn aber ein Apfel vom Baume fallen, um bestaubt zu werden? Oder können nicht vielmehr Winde kommen, den Staub von der Strasse lösen und so leichtlich einen Apfel anstäuben, so er an der Strasse hänget.

5. Oder wie ist es mit der Nuss? – Gestaltet sich die innere Frucht nach den Einbügen der Schale, oder bekommt vielmehr die feste Schale die Einbüge von der Frucht? – Es ist hier sicher besser, so man sieht auf die Beschaffenheit der Frucht – da sich doch ein jeder seinen Rock nach dem Leibe machen lässt und man nicht den Leib nach dem Rocke machen lässt. Und also geht die Wirkung von innen aus, und nicht von aussen nach innen – da des Lebens wirkende Kraft allezeit im Zentrum, aber nicht aussen, am Kleide, seine Wohnung hält.

6. Aber wie steht es mit den Wärzchen an der Eischale – wie entstehen sie und warum sind sie da? Es könnte ja doch eine Henne leichter ein glattpoliertes Ei legen als ein solches, dessen Oberfläche mit tausend und abermal tausend Wärzchen übersäet ist! – Könntet ihr aber nicht ebenso leicht und mit demselben Grunde sagen: „Wozu die Berge auf der Oberfläche der Erde? Eine glatte Erde würde sich ja doch offenbar leichter um ihre Achse drehen als eine mit so vielen Bergen besetzte!“

7. Es sei aber hier bemerkt, wer möchte denn dann auf der Erde die Luft und das Wasser zur Mitumdrehung nötigen, da weder das eine noch das andere mit Ketten und Stricken mit dem Körper der Erde unverrückbar fest verbunden ist?!

8. Wenn das Ei keine Wärzchen hätte, woran möchten sich in dem Gebärkanale einer Henne eigens daseiende Stoss- und Drucknerven stemmen, um dasselbe zur Aussenwelt zu fördern. Und wenn das Ei dann in der atmosphärischen Luft sich befindet und hätte solche kleine Auswüchse nicht – womit sollte es zur ferneren dauernden Erhaltung des Lebensstoffes das demselben verwandte elektromagnetische Lebensfluidum einsaugen und wodurch erst dann in der Brütezeit den erwärmenden Stoff aus der Brust der Henne oder aus den Strahlen der Sonne oder auch aus dem erwärmten Sande an sich ziehen?

9. Wäre die Erde eine flache Kugel, so würde es ihr auf allen ihren Punkten, selbst die unter dem Äquator nicht ausgenommen, nicht viel besser ergehen als der Spitze des Chimborasso oder dem Nordpole selbst, wo ewig Eis und Schnee herrschet.

10. Die Berge aber sind auf der Erde das, was die Wärzchen sind am Eie! Sie sind nicht nur Luft- und Wassertreiber, sondern sie sind noch vielmehr Wärmesauger. Und was sie an dem Wärmestoffe einsaugen, das können sie natürlicherweise nirgends anders wohin spenden, als nur in die zuunterst liegenden Täler und Ebenen.

11. Sind aber irgendwo weit gedehnte Ebenen zu ferne von den Bergen, so werdet ihr alldort ebensowenig Vegetation antreffen, ja oft noch weniger, als auf den höchsten Gebirgsspitzen – und dieses aus einem doppelten Grunde!

12. Fürs erste, weil zu weit von den Bergen, daher auch zu wenig fruchtbare Wärme! – Was die brennende Hitze auf dem Heiden betrifft, so ist sie nichts als ein von den benachbarten fruchtbaren Gegenden über sie ausgehauchter Stickstoff, der zwar auch die Strahlen der Sonne gleich der atmosphärischen Luft konzentrierend aufnimmt. Aber, wie gesagt, solche Wärme ist keine Fruchtwärme, sondern gleichet jener, die da herrührt von glühenden Kohlen in einem verschlossenen Gemache. Wenn sie schon auf das tierische Leben nicht also zerstörend wirkt, so wirkt sie aber alles zugrunde richtend auf das Leben der Pflanzenwelt. Und es ist gar nicht schwer zu erweisen, dass, wo irgend das Pflanzenleben aufhört, es auch für das tierische Leben kein langes Bleiben ist.

13. Es gibt aber auch Gegenden, besonders in Afrika und auch im südlichen Amerika, wo benachbarte, sehr fruchtbare Gegenden also stark die Stickluft aushauchen, dass sich diese dann gleich einem Flammenmeere über weitgedehnte Heiden, Steppen und Wüsten ergiesset; und was da dieser Flammenstrom erreicht, ist in seiner natürlichen Lebenssphäre so gut vernichtet, wie wenn es in einen stark brennenden Kalkofen geworfen worden wäre.

14. Aber noch aus einem andern Grunde sind solche Gegenden unfruchtbar: nämlich, weil sie einen grossen Mangel an Wasser haben. Ihr möget aber die Erde kreuz und quer bereisen, und es wird euch schwerlich gelingen, irgendeinen Berg zu finden, der nicht wenigstens aus seinem Fusse mehrere reichliche, unversiegbare Quellen von sich geben möchte.

15. Was sind also die Berge noch – während sie schon ohnehin „Wasser- und Lufttreiber“ und, nun bekannt, auch „Lebenswärmeerzeuger“ sind? – Sie sind auch „Wasserleiter“, und zwar in doppelter Hinsicht. Denn da sie, wie euch schon mehrfach bekanntgemacht wurde, samt und sämtlich über grossen Wasserbecken stehen, so treiben sie das Wasser durch ihren immerwährenden, gleichen Druck nicht selten bis zu bedeutenden Höhen empor. Und diese Leitung des Wassers zur Oberfläche der Erde ist die erste Art, wie die Berge gar wohl imstande sind, auf den verschiedensten Punkten die reichhaltigsten Quellen des reinsten Wassers von sich zu geben.

16. Da aber die atmosphärische Luft ebenfalls immerwährend mit den Dünsten geschwängert sein muss, welche zum Teile aus dem unermesslichen Äthermeere auf dem Wege der primitiv-animalischen Produktion herrühren, so sind die Berge gleich den Polypen im Meere allezeit als wahre Vielfrasse schlagfertig, um jede ihnen nahekommende Feuchtigkeit aus der Luft an sich zu ziehen und in sich einzusaugen. Durch dieses „ätherische Wasser“ wird dann erst das unterirdische belebt und nach eurem chemischen Ausdrucke gewisserart geläutert, damit es dann zum nötigen Lebensgebrauche hinreichend tauglich ist. Denn das Wasser aus dem Innern der Erde ist zum Leben so wenig zu gebrauchen wie das lediglich ätherische.

17. Ihr müsst unter dem „ätherischen Wasser“ aber nicht etwa das Regenwasser nehmen, welches nur dann zum Vorschein kommt, wenn irgendwelche Wolken zuvor aus den naheliegenden Bergen hinreichend mit Sauerstoff sich gesättigt haben; sondern das rein „ätherische Wasser“ ist untropfbar in der Luft, namentlich aber auf den Bergen enthalten.

18. Die erste Sichtbarkeit des „ätherischen Wassers“ bekundet sich in den sogenannten „Lämmerwolken“. – Wenn diese nach und nach mehr und mehr elektrisch schwer werden, so fallen sie auch immer niederer und niederer, bis sie endlich bis zur mittleren Wolkenregion herabgezogen werden, allda sie dann schon anfangen, den Sauerstoff in sich zu saugen. Und wenn sie dadurch dann gewisserart auch lebensschwerer werden, so senken sie sich herab in die Nebelregion der Berge, welche dann anfangen, ihnen den elektrischen Stoff auszuziehen.

19. Da beginnen dann auf den Bergen gewöhnlich sehr heftige Winde zu wehen. Und wer da nicht glauben möchte, dass solche Winde nichts als die von den Bergen aus den Wolken (oder vielmehr nun Nebeln) entsogene Elektrizität sind, der verfüge sich nur mit einem sogenannten elektrosaugenden Schilde oder gemeinweg „elektrischen Drachen“ auf die Alpen und befestige diesen Schild auf einer klafterlangen, entweder ganz gläsernen oder wenigstens gut überharzten Stange und nähere sich alsdann, wenn er den Mut hat, einem solchen Schilde, so wird ihm alsbald zur Belehrung ein stark leuchtender und sogar zu tot niederschlagender Beweis in wahrhafter Blitzesschnelle entgegenkommen.

20. Also sehet, auf diese Weise sind die Berge auch in der zweiten Art „Wasserleiter“.

21. Was sind denn die Berge noch? – Ihr dürfet nicht gar zu weit ins Oberland reisen, so werden euch die vielfachen und verschiedenartigen Erze alsogleich anschaulich offenbaren, was die Berge noch sind! – Nämlich sie sind noch Fabrikanten von allerlei Metallen.

22. Woher kommt denn das Metall in die Berge? – Dieses kommt, wie das Wasser, von unten und von oben in dieselben und ist im Grunde ein Produkt von oben her aus den zahllosen Strahlen der Gestirne und von unten her ein Produkt fürs erste des unterirdischen Feuers und fürs zweite der auf allen Höhenpunkten der Erde sich beständig entgegenkommenden und wechselnden Polarität der Erde.

23. Es sind die Metalle zwar verschieden und haben doch nur eine und dieselbe Grundursache. Es geht denn nun einmal nicht anders! Denn auch auf einer Wiese gibt es verschiedene Kräuter, und doch ist überall dieselbe Erde, dasselbe Licht der Sonne und derselbe Regen!

24. Die Menschen vermögen solches freilich wohl nicht, und es ist niemand imstande, mit einem und demselben Bohrer verschieden grosse Löcher zu bohren oder mit einer und derselben Hebelkraft alle erdenklichen Lasten zu heben. Niemand kann da machen und gebrauchend lenken einen unendlichen Bohrer, dessen Spitze feiner wäre als ein Gedanke und dessen letzte Schneidschnecke hinausreichen würde über alle möglich-denkbare Räumlichkeit. Und ebenso vermag auch niemand einen Hebel zuwege bringen, mit welchem er vermöchte eine Sonne aus ihrem Zentrum zu heben.

25. Sehet, da aber der Mensch schon zwei so einfache Werkzeuge nicht zuwege zu bringen vermag, wie möchte er es dann wohl anstellen, um zu erklären, wie aus ein und derselben Ursache so unendlich verschiedene Wirklichkeiten hervorgehen können, und wie beweisen, dass all die Metalle in den Bergen aus einer und derselben Quelle fliessen und doch keines dem andern gleicht!?

26. Allein Der, den ihr kennet, vermag solches gar wohl und versteht die eben nicht unbedeutende Kunst, in einem und demselben Kessel alle möglichen Färbungen also zu bereiten, dass, so ihr unzählige Stoffe hineinleget, ihr keinen herausnehmet, der da wäre von einer und derselben Farbe.

27. Also ist demnach die Erklärung leicht, wenn hier Eisen, dort Zinn, anderswo Blei, Silber, Kupfer, Zink und dergleichen mehreres zum Vorscheine kommt, dass dazu nichts mehr gehört, als dass da einem jeden Berge, wie einem Samenkorne, verliehen ist eine besondere Form und eine besondere Eigenschaft, vermöge welcher er einen und denselben Stoff, den er in sich saugt, gar leicht verwenden kann nach seiner ihm eigentümlichen Eigenschaft – wie jeder Same einen und denselben Stoff verwenden kann zu dem, was eigentlich nur aus ihm hervorgeht.

28. Wer da solches noch nicht begreifen möchte, der kann folgenden Versuch machen, und es wird ihm alsobald ein bedeutendes Licht über seinen noch viel bedeutenderen Unverstand aufgehen!

29. Er nehme irgendein geräumiges Gefäss, z.B. etwa irgendeinen grossen Gartentopf, gebe in denselben ganz vollkommen gleiches Erdreich, lege in dieses Erdreich aber verschiedene Samenkörner, begiesse dieselben mit chemisch gleichem Wasser und, was die Gleichartigkeit der Sonnenstrahlen betrifft, so darf er ohne Sorgen sein, denn diese sind heute noch dieselben, wie sie vor einigen Trillionen Jahren waren. Beobachtet er dann die Pflanzen, die da aus den verschiedenen Sämereien aufgehen werden, dann wird er sich überzeugen müssen, dass seine Arbeit und Sorge eine rein vergebliche war. Denn es wird, alles dessen ungeachtet, aus dem Nelkensamen eine Nelke mit all ihrer Eigentümlichkeit, aus dem Veilchensamen ein Veilchen, aus dem Rübensamen eine Rübe, aus dem Kornsamen eine Kornstaude usf., aus jedem Samen die entsprechende Pflanze mit allen ihren Eigentümlichkeiten zum Vorscheine kommen.

30. Wer da nur einigermassen denkt und ein Fünkchen Leben hat in seinem Gemüte, das nach oben und nicht nach unten treibt, wird der nicht alsobald wenigstens sich selbst im stillen fragen müssen: „Aber wie ist dieses möglich, dass aus einer und derselben Erde, aus einem und demselben Wasser und aus einem und demselben Licht- und Wärmestrahle der Sonne so höchst verschiedene Produkte zum Vorscheine kommen!? Und doch, wenn ich alle diese Samenkörner chemisch untersuche, so finde ich im Grunde nur immer einen und denselben Grundstoff! Ja selbst, wenn ich jede Pflanze für sich verbrenne, so bleibt mir denn doch stets eine und dieselbe Asche übrig!

31. Wenn ich die grüne Pflanze auspresse, so bekomme ich wohl von jeder einen etwas verschieden schmeckenden und riechenden Saft. Allein zerlege ich die Säfte wieder chemisch, so zeigt sich's am Ende doch nur wieder, dass da alles auf eines hinausgeht. Und bis ich auf meinen wohlbekannten Kohlenstoff und Grundsauerstoff gekommen bin, so bin ich auch mit meiner schweren Untersuchungsarbeit fertig und muss am Ende eingestehen, dass ich in meiner mich so berühmt machenden Kunst ein allerpurster Pfuscher bin?“

32. Sehet, wer nach einem solchen Versuch zu diesem Ergebnisse gekommen ist, der ist schon an der Schwelle des Vorhofes! Wenn er da anklopft, so kann er eingelassen werden, wenn auch nicht alsogleich in den Tempel, so doch wenigstens in den Vorhof. Und es ist besser, sich mit geraden Gliedern des Geistes in dem Vorhofe zu befinden, denn als Gichtbrüchiger am dürren Ufer Siloahs zu harren, bis ein Engel, des Teiches Wasser rührend, dasselbe mit Heilkraft sättigt. Denn wer da etwas verloren hat, tut besser, wenn er es sucht, um es wiederzufinden, als dass er unbekümmert auf einem Punkte wartet, bis etwa ein redlicher Finder wiederkehre und ihm den verlorenen Schatz einhändige.

33. Die Erde ist ein Platz voll Bergen, Klüften, Abgründen, Gräben, Tälern und Ebenen und hie und da weit und breit bewachsen mit undurchdringlichem Gebüsche und Gestrüppe. Wer da einen Schatz hat und hält denselben nicht fest, wie leicht kann ihm derselbe entfallen. Und so er ihn verloren hat, wie schwer lässt er da sich wiederfinden auf einer Erde, die so reich an finsteren Schlupfwinkeln ist! Und wer da etwas verloren hat und das Verlorene nicht einmal zu suchen der Mühe wert hält, wie wird der es wohl wiederfinden, besonders wenn er dazu noch aus sich selbst heraus das Unglück hat, lichtscheu zu sein?!

34. Wahrlich ein solcher wird nicht viel tüchtiger werden, wenn er auch alle höchsten Gebirge der Erde bestiegen hätte. Denn wer immer da auf einen Berg steigt, hat eine grosse Mühe, bis er den Gipfel erreicht.

35. Und was ist nun der Lohn seiner Mühe? – Der, den er für die alleinige Hauptsache hält, ist eine weitgehende Fernsicht auf andere Berge, Gegenden und Ortschaften – den eigentlichen Genuss aber, der in der Einatmung der reineren Lebensluft besteht (worin eigentlich der Hauptlohn für seine Mühe zu betrachten wäre), nimmt er nur ganz gleichgültig mit.

36. So ist auch der naturmässige Mensch ein immerwährender Bergkletterer seines eigenen, hochgepriesenen Verstandes und klettert von einer Verstandeshöhe zur andern hinauf. So oft er da irgendeine scheinbare Höhe erstiegen hat, wähnet er sich auf dem allerhöchsten und herrlichsten Aussichtspunkte zu sein. Aber wenn er sich nach allen Seiten sattgegafft hat, kommt ihm der Gedanke: wenn er nur auch auf jene andere, ferne Gebirgsspitze hinauf könnte – da müsste erst eine alles Gefühl zerreissende Aussicht sich bewähren. Und nach dem alten lateinischen Sprichwort eines klugen Heiden sagt er ebenfalls: „Der Mensch kann ja mit seiner Tollkühnheit sogar den Himmel erstürmen, was sollte mich denn hindern, auch die Spitze dieses entlegenen Berges zu besteigen; denn bis auf den Mond oder gar in die Sonne reicht sie ja doch nicht!“ – Und also gesagt und getan!

37. Der Mensch ersteigt auch diese Spitze unter grossen Beschwerden, in der Meinung, von hier aus werde er wenigstens die halbe Erde auf einmal zu Gesichte bekommen. Allein auch hier werden seine grossen Erwartungen sehr wenig befriedigt. Denn dieser Berg hat hinter sich schon wieder höhere gelagert. Und so sieht unser Bergbestürmer schon wieder nichts anderes als lauter Berge um sich, die er, wenn es möglich wäre, nun alle auf einmal besteigen möchte.

38. Also ist es auch mit dem Verstande des Menschen, er steigt von einer Verstandeshöhe zur andern. Was aber erblickt er hier überall? Nichts als lauter sich immer höher türmende Berge und Gletscher, die für ihn nimmerdar ersteiglich sind! Und wohl ihm, wenn er es durch seine lang fortgesetzte Verstandeskraxelei so weit gebracht hat, dass er endlich bei sich selbst gesteht: „Die ganze Erde kann man von keinem Berge übersehen; und je mehr man gesehen hat, desto klarer wird es einem, dass man gegenüber dem, was alles noch zu sehen wäre, erst so viel wie gar nichts gesehen hat!“ was verdolmetscht so viel heisst als, dass derjenige in der Verstandes-Wissenschaft es am weitesten gebracht hat, der es einsieht, dass er nichts weiss.

39. Euch aber sage Ich: Es ist nicht schwer, einen bestaubten Apfel vom Staube zu reinigen; denn der Staub klebt nur an der Rinde. Schwerer wäre es, eine Nuss glatt zu polieren, und sehr schwer, die Wärzchen am Ei zu vertilgen, ohne die Schale zu zerbrechen.

40. Die Erde aber ist in Wahrheit ein „bestaubter Apfel“; denn es ruht auf ihr ein natürlicher urzeitlicher, anderweltlicher Ruinenstaub. – Sie ist ferner ein „bestaubter Apfel“, denn um dieselbe ist meilenweit gelagert ein ätherischer Atomenstaub. – Und drittens ist sie in geistiger Hinsicht ein also ausserordentlich schmutzig-bestaubter Apfel, dass durch den dichten Staubwolkenschleier nur hie und da ein spärliches Licht von der grossen Sonne der Geisterwelt auf diesen „Erdapfel“ eindringen kann.

41. Die Erde ist ferner eine „Nuss“. Denn sie hat fürs erste für jeden ihrer Bewohner etwas Tüchtiges zum Aufbeissen. – Und wieder ist sie eine Nuss, insofern ihre äussere Rinde vom Grunde aus entspricht ihrer inneren knorrigen Beschaffenheit. Dieser knorrigen Beschaffenheit zufolge sind die Urgebirge das, was die äusseren Auswüchse an einer Nuss sind. – Und sie ist ferner nochmal eine Nuss, da ein jeder, der immer auf ihr zum inneren freien Leben des Geistes dringen will, zuerst eine bittere Umhüllung und dann erst eine harte Schale wegzuschaffen hat, bis er erst zur lebendigen Frucht des Lebens gelangt.

42. Die Erde ist auch ein „Ei“. Denn wer die innere Beschaffenheit der Erde kennenlernen will, der siede ein Ei, zerschneide dann dasselbe in zwei Teile und studiere dasselbe mit einem starken Mikroskop, so wird er so ziemlich die innere Beschaffenheit seiner Erde kennenlernen. – Und wieder ist die Erde ein Ei, in welchem durch die natürliche Wärme der Sonne verschiedene Küchlein ausgeboren werden. – Und die Erde ist auch noch in geistiger Hinsicht gleich einem Ei. Denn wie das Ei nur in der ruhigen, stillen Wärme die Frucht des Lebens zum Vorschein bringt, also wird auch der Mensch nur durch die stille Zurückgezogenheit und durch die Wärme seines Herzens zu Mir in sich selbst neu und wiedergeboren, in welchem Zustande es ihm auch ergeht wie einem Küchlein, das da seine eigene Gefangenschaft durchbricht, lebendig aus derselben hervorgeht und dann die Schale nimmer beachtend verlässt.

43. So sollte auch in geistiger Hinsicht der Mensch sein, so wird er von jeder Tiefe wie von jedem Berge im hohen Gefühle des freien Lebens mit einem Blicke nicht nur die ganze Erde, sondern ein ganzes materielles und geistiges Sonnengebiet übersehen.

44. Schliesslich aber diene euch die Besteigung der Alpe noch dazu, dass der Weg, der ins geistige Leben führt, nicht viel anders beschaffen ist, als der Weg auf eine solche Alpe.

45. Denn da glaubt von der Ferne jeder, die Alpe sei nicht gar so hoch. Doch wenn er in ihre Nähe kommt, verliert er immer mehr und mehr ihren Scheitel aus seinem Gesichte. Und fängt er dann am Fusse zu steigen an, so hält er auch schon jeden nächsten baumlosen Hügel für der Alpe höchsten Punkt. Aber je höher und höher er kommt, desto mehr überzeugt er sich, dass es noch ziemlich viele Steigtritte benötigen wird, bis er auf der Spitze des Berges das lichte „Triangulierungszeichen des ewigen Lebens“ ansichtig wird, von da aus er erst zu jener höchsten Überraschung gelangen wird, von welcher er früher keine Ahnung hatte.

46. Beachtet dieses Beiwort wohl in euren Herzen. Nehmet die „Fahne“ zur Hand und beachtet das Geistige, das da in entsprechender Fülle des Lebens gegeben ist.

47. Wendet es und forschet darinnen, und ihr werdet nicht nur in den Bergen, sondern auch in den kleinsten Sandkörnern vollbewohnte Welten entdecken! – Amen.


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