GSO2-39

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Hauptseite Die geistige Sonne GSO2-39 Kapitel

Mitteilungen Jesu Christi über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits. Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.


Kapitel 39 - VI. Stockwerk. Im Zustand der Furcht zeigt der Mensch seine Schwächen.


1. Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Auf dieser überaus stark durchsichtigen Rundtreppe ist es denn doch ein wenig fatal aufwärts zu steigen, denn es kommt einem ja gerade so vor, als ob man sich in die freie Luft erheben möchte, und das Hinabsehen auf den stets tiefer zu liegen kommenden Boden wird im Ernste etwas schwindelerregend! Und wenn das Hinaufgehen schon so sonderbar ist, da wird das Zurückgehen sicher noch sonderbarer werden. Ja, ja, meine lieben Brüder und Freunde, die Sache sieht wohl also aus und scheint eure Besorgnis zu rechtfertigen; aber dessen ungeachtet werdet ihr am Ende erfahren, dass sich alle die jetzt geschauten Verhältnisse also gestalten werden, dass ihr gar nicht achten werdet und nicht im geringsten merken, mit welcher Leichtigkeit und Anmut wir da zurückkommen werden.

2. Übrigens müsst ihr euch solches hinzumerken, dass die Höhen nur für denjenigen schwindelerregend sind, der sich fortwährend in der ebenen Tiefe befand; aber für ständige Bewohner der Höhen, und für diejenigen auch, die viel auf den Höhen zu tun hatten, sind sie das nicht im geringsten, sowohl in naturmässiger als in staatlicher Hinsicht. So klimmt der Gebirgsbewohner und auch so mancher andere Höhenfreund über Wände und Steilen hinauf, deren Anblick einen ständigen Ebenlandsbewohner schon von fernehin in einen fast fieberhaften Zustand versetzt, während doch der Gebirgs- und Höhenbewohner jauchzend mit seinem Reise- und Steigapparate über die furchtbarsten Abgründe hinüberblickt.

3. So auch, wenn ein Mann geringen Standes sich etwa in einer solchen Lage befindet, vor seinem Landesherrn zu erscheinen, und zwar an dessen prachtvollem Hofe, mit welcher Furcht und Scheu naht er sich der Prachtwohnung seines Landesfürsten! Jede Staffel in derselben wird ihm glühender unter den Füssen, je mehr er sich dem Gemache nähert, in welchem gewöhnlichermassen der Landesfürst sein Ohr leiht.

4. Betrachten wir aber dagegen einen Minister oder einen hohen Feldherrn, besonders wenn er noch obendrauf ein bedeutender Günstling des Landesfürsten ist, und also auch das an und für sich unbedeutende Hofgesinde. Diese gehen sicher ohne die geringste Beklemmung zum Landesfürsten, und letztere, dieser Höhe wie angeboren gewohnt, treiben nicht selten bübischen Mutwillen über jene Stufen, welche unserem schlichten Landmanne gar so schwindelerregend und heiss vorgekommen sind.

5. Ja selbst in bürgerlicher Hinsicht mangelt es nicht an solchen Beispielen; nehmen wir an einen schlichten wohlgebildeten jungen Mann, dessen Lebensverhältnisse ihm mit gutem Gewissen gestatten, sich ein ihm teures Weib zu nehmen. Er kennt ein Haus, und die Tochter des Hauses gefällt ihm überaus wohl; aber die Verhältnisse dieses Hauses überbieten die irdischen Vorteile des seinen um ein sehr bedeutendes. Er weiss zwar, dass der Familienvater dieses Hauses ein sehr respektabler und geachteter, guter Mann ist; aber dessen überragende Höhe seiner Verhältnisse flösst unserem Brautwerber so viel schwindelerregende Bedenklichkeiten ein, dass dieser sich kaum wagt, mit guter Hilfe verlässlicher Führer und Wegweiser den Standesunterschied seines erwählten Hauses zu übersehen.

6. Da es aber dennoch sein muss, so muss er das Wagestück bestehen; aber wie wird es ihm, wenn er die Türschwelle seines verhängnisvollen Hauses betritt, von dem er sein Glück erwartet? Der Puls wird schneller wie beim Besteigen eines hohen Berges, der Atem kürzer, und sein ganzes Wesen geht bei der Annäherung an die Türe, da der Hausvater und zugleich der Vater seiner Braut wohnt, in eine sehr stark schwingende Bewegung über; Furcht, Glaube, Hoffnung und Liebe sind in einem Knäuel untereinandergemengt.

7. Anfangs bringt er kaum ein Wort heraus, oder er misst jede Silbe, bevor er sie ausspricht, um ja dadurch etwa nirgends eine Blösse zu zeigen, deren sich ein jeder Mensch so insgeheim stets mehrerer bewusst ist. Warum denn aber? Weil der Mensch in gar keinem Zustande seine Schwächen und Blössen, auch sogar seine Fehler leichter an den Tag legt, als wenn er sich im Zustande der Furcht befindet.

8. Nehmet an einen Virtuosen, wenn er seiner Sache noch so gewachsen ist, aber dennoch sich einiger Stellen in seinem vorzutragenden Stücke bewusst ist, die ihm bloss unter zwei Ohren und Augen manchesmal ein wenig misslungen sind, so wird er dieser Stellen wegen in eine Furcht versetzt, in welcher er nicht selten, da er derselben nicht Meister werden kann, eben diese etwas zweifelhaften Stellen, wie ihr zu sagen pfleget, verhaut. Also war hier die Furcht derjenige Zustand, in welchem unser Virtuose seine Schwächen an den Tag legte.

9. Ein guter Fussgänger auf ebenem Lande will garnichts wissen von irgendeiner Schwäche seines Gehewerkes. Wenn es aber einmal heisst: Freund, du musst mit mir auf die Spitze jenes Berges; wirst du dich solches wohl getrauen? So wird unser guter Fussgänger wohl sagen: Was hältst du von mir? Ich sollte mich mit meinem Gehewerke über jene Bergspitze nicht wagen, der ich doch schon mehrere hundert Meilen Feldweges gemacht habe? Aber es kommt auf den Ernst an. Unser guter Fussgänger kommt in seinem Leben zum ersten Male auf solch bedeutende Höhe.

10. Bei der Ersteigung einer sehr steilen Partie fangen seine Füsse an zu schlottern; wenn er einen Schritt getan hat, so fängt er beim zweiten an zu zweifeln und mit sich sehr stark Rat zu pflegen, ob er ihn noch wagen solle oder nicht. So aber der andere Freund ihm erst die hohe Spitze zeigt, da fängt unser guter Fussgänger völlig an zu zagen und lässt sich samt dem anderen den Sicherheitsstrick um den Leib schnüren.

11. Was kommt denn hier heraus? Die Höhenfurcht hat die Schwächen in den Füssen unserem guten Fussgänger enthüllt, darum er selbst am Sicherheitsstricke jeden Schritt, den er tut, ja so sicher und wohl ausforscht und dabei dennoch stets in der Furcht ist, mit der leichtesten Mühe von der Welt einen Fehltritt zu tun. Also ist auch unser Brautwerber; er hat sich in der gewöhnlichen Lebensfläche sehr wohl herumzutummeln verstanden; aber auf dieser ernsten Höhe, da es sich um die Sicherheit eines jeden Trittes handelt, heisst es auch jeden Schritt, also jede Silbe auf eine sehr genaue Waage legen, um, wie ihr zu sagen pfleget, aus der Pastete keinen Talg zu machen.

12. Wie es sich aber mit diesen drei beispielsweise aufgeführten irdisch menschlichen Standpunkten verhält, also verhält es sich auch entsprechendermassen mit den geistigen.

13. Der Schwindel als die Frucht der Furcht bleibt nicht aus; je höher man steigt, desto furchtsamer und behutsamer wird man in seinem Gemüte und somit auch desto glaubensscheuer.

14. Sehet, wenn ich mit euch nun sprechen möchte in der höchsten himmlischen Weisheitsform, so würdet ihr zu verzagen und zu verzweifeln anfangen und wäre keiner aus euch imstande, selbst bei der beherztesten Vornahme auch nur drei Zeilen niederzuschreiben.

15. Ich aber gehe darum mit euch und rede darum vollkommen nach eurer Art, oder ich wandle auf eurem angewohnten Grund und Boden und erhebe euch nur kaum merklich nach und nach. Aber selbst bei dieser kaum merklichen Erhebung fängt euch schon ein wenig an zu schwindeln bei der Besteigung unseres sechsten Stockwerkes oder der siebenten Galerie über diese etwas stark durchsichtige Treppe.

16. Wenn aber unser den Landesfürsten besuchender Landmann sich eine Zeitlang mit eben dem sehr herablassenden Fürsten besprechen wird, da wird ihm der staatliche Höhenschwindel samt der ganzen Furcht vergehen, und er wird eine viel behaglichere Rückreise haben über die heissen Staffeln des Palastes, als sie zuvor hin zum Palaste des Landesfürsten war.

17. Der Höhenbesteiger wird auf der Spitze des Berges mutiger und schwindelfester, und der Rückweg wird ihm, wie ihr zu sagen pfleget, nicht selten einen wahren Spass machen.

18. Also auch unser Brautwerber, wenn er in die Erfahrung gebracht hat, dass er in seinem geliebten Hause einen festeren Boden gefunden hat, als er erwartete, wird sicher einen ums sehr bedeutende fröhlicheren Rückweg haben, als ihm der heisse Hinweg vorkam.

19. Und sehet, gerade so wird es auch uns ergehen; wir werden auch bis zur Erreichung der Vollhöhe dieses Gebäudes noch so manche Schwindelhöhe zu bestehen haben; aber die Vollhöhe wird dann alles ins Gleichgewicht setzen, und wir werden überaus frohen Mutes die Rückreise anzutreten imstande sein.

20. Bei dieser Gelegenheit unseres belehrenden Gespräches haben wir auch unsere stark durchsichtige Treppe, wie ihr selbst bemerken könnet, ganz behaglich überschritten, und uns auf diese Weise eine jede Staffel zunutze gemacht.

21. Nun aber befinden wir uns schon auf der siebenten Galerie, oder im sechsten Stockwerke, und somit sage ich euch: Schauet hier alles recht behaglich und aufmerksam an; denn was ihr hier finden werdet, wird von noch viel höherem Interesse sein als alles, was wir bis jetzt gesehen und dann erörtert haben in der Art der Weisheit dieser Bewohner. Also, wie gesagt, auf diesem sechsten Stockwerke oder auf der siebenten Galerie nehmet förmlich eure Augen in die Hand, beschauet alles wohl und gebet mir dann kund, was ihr gesehen habet; und wir werden dann die Bedeutung sicher nicht verfehlen.


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